Das Team des StadtArchiv Gerolstein erforschte die Geschichte der närrischen Regentschaft der Brunnenstadt. Erstmals können majestätische ‚Steckbriefe‘ und Prinzenorden fast lückenlos der Öffentlichkeit präsentiert werden. Als die Maxime „Allen wohl und niemanden weh“ Gesetz war und wie ‚der Zeit voraus‘ inthronisiert wurde, macht den Rückblick spannend.
Dass in der Brunnenstadt von jeher Karneval auf ‚kölsche‘ Art gefeiert wurde, zeigt sich sofort am „Alaaf“ – niemand würde in der Brunnenstadt ‚Helau‘ rufen.
Karneval steht für Tradition, Spaß und ist dennoch eine ernste Sache, denn ‚jeder Jeck es anders‘. Gerolstein ist seit den 50er Jahren ‚Hochburg des Karnevals‘ und ehrenamtliche Archivare haben eine humoristische Zeitreise ermöglicht. Viele hundert Fotos der karnevalistischen Ereignisse wurden Jahrgängen zugeordnet. Die Kreativität der Narrenkostüme, Fantasie beim Faschings-Wagenbau (besonders in ‚armen Zeiten‘) begeistert.
Einer der ersten Karnevalsprinzen war Fritz Mansbach, ein jüdischer Kaufmann, im Jahre 1929. Dass er das närrische Volk regierte, beweist die damals freundschaftlichen Kontakte zwischen Juden und Christen. Die Menschen suchten nach Ablenkung von der Weltwirtschaftskrise in Frohsinn und rheinisch geprägten Karnevalsliedern. Mit Liedern „Denn einmal nur im Jahr ist Karneval“ (Willi Ostermann) und ‚Trink, Trink, Brüderlein trink‘ (Wilhelm Lindemann) wurde ‚im Flecken‘ gefeiert.
Erst nach dem Krieg, Ende der 40er Jahre, fanden langsam wieder karnevalistische Veranstaltungen statt. Sportverein 1919, Kolpingverein, Kirchenchor u.a. organisierten Kappensitzungen. Im Jahr 1952 fand im ‚Hotel Kaiserhof‘ die Gründungsversammlung der KG Gerolsteiner Burgnarren mit dreißig Mitgliedern statt. Sie gelobten, während der Karnevalszeit ‚echt rheinischen Humor zu pflegen und zu fördern‘. Der Vereinsruf wurde mit „Dreifach Jirrelsteen Alaaf“ und die Vereinsfarben gemäß den Stadtfarben mit ‚Schwarz-Gelb‘ festgeschrieben.
Die traditionellen Stadt-Schlüsselübergaben fanden am Karnevalssonntag mit viel ‚Krach-Bumm‘ in spektakulärer Rathaus-Erstürmung unterstützt durch Stadtsoldaten und Möhnen am Altstadtparkplatz statt. Neue ‚Gesetze‘ wurden nach Machtübernahme für die Zeit bis Aschermittwoch verkündet. Alles geschah zur Freude und unter großem Beifall der Bevölkerung. Unter Regentschaft des ersten Nachkriegs-Prinzen Paul I. Bruckhuysen (1953) und Adjutant Matthias Böffgen fanden die ersten Sitzungen im Kaiserhof statt. In ‚der Bütt‘ lieferten beispielsweise „Heini von der Leinebach‘ (Schöwer’s Heini) mit Anton Bonefas legendäre witzige Reden, in denen auch der Obrigkeit auf die Finger geschaut wurde. Funkenmariechen waren Ilse Weinand und Gerda Ockenfels (Wirtz). Beliebt und fantasievoll waren auch Preis-Maskenbälle und Rosenmontagsumzüge, wie Fotos, spätere Filmaufnahmen und Erinnerungen von Zeitzeugen dokumentieren. In jeder Kneipe wurde gefeiert. „Der schönste Platz ist immer an der Theke“ (Toni Steingass) oder „Einmal am Rhein“ (Willi Ostermann) trällerten sogar die Kinder textsicher mit. Weiberdonnerstag putzten kostümierte Frauen jedem Mannsbild, das sie erwischen konnten, gegen einen Obulus die Schuhe.
Erstmalig kann aufgrund der Fleißarbeit des Gerolsteiner Stadtarchiv-Teams die Chronologie der Regentschaft in Bildern präsentiert werden. Gemäß dem Motto: Keine Herrschaft ohne Orden kann man mithilfe des Nachlasses von Toni Bonefas, Heini Schöwer, Reinhold Wagner – ergänzt durch Sammlungen von Albert Hens, Peter Horsch und Familienarchiven Wirtz / Koch auch fast alle bestaunen. Nur die Ehrenabzeichen von 1953 und 1963 fehlen.
Die Männerdomäne im Gerolsteiner Karneval wurde Ende der 60er Jahre mit den ersten Stadtsoldatinnen durchbrochen. Gabi Leufer wurde 1986 Kommandantin. 1988 übernahm Prinzessin Sigrid I. (Schneider) mit Adjutantin Gisela (Pauls) das Zepter – zur damaligen Zeit war dies eine Sensation. Frauenpower zeigte auch das erste Damendreigestirn 2006 mit Prinzessin Renate I. (Lames), Jungfrau Anita (Schumacher) und Bäuerin Erika (Dahlem). Internationales Flair brachten 1979 der niederländische Prinz Aad I. (Hogenboom) und 2016 der gebürtige Rumäne Prinz Benjamin I. (Sas).
„Gerolstein war immer weltoffen“, so Frank Kerner, der im Namen des Stadtarchiv-Teams den jetzt amtierenden Prinz Daniel I. mit Gefolge begrüßte. Karneval sei immer ein Spiegelbild der Gesellschaft und „In Büttenreden wurde die Obrigkeit kritisiert und das war gut“, so Kerner in seinem Rückblick: „Aus manchen Prinzen sind Bürgermeister geworden“. KG Burgnarrenpräsident Marc Thömmes zeigte sich begeistert: „Die Geschichte des Gerolsteiner Karnevals für Einheimische und Touristen darzustellen, war eine aufwändige Arbeit, die einen Orden verdient hat“. Prinz Daniel I. zollte seine Anerkennung durch Verleihung des Prinzenordens an die Archivare.
Infobox:
Besuchertag im Januar 2026 mit Themenschwerpunkt „Gerolsteiner Karneval“
Das Stadtarchiv (Hauptstraße 39) öffnet im Januar seine Türen für Besucher am Dienstag, 20.01. von 14.00 – 17.00 Uhr. Interessierte Bürger*Innen und Gäste sind herzlich eingeladen, in den Beständen des Archivs zu stöbern, alte Fotos, Postkarten und Gemälde anzusehen oder sich mit den anwesenden Archivmitarbeitern auszutauschen. Unser aktueller Themenschwerpunkt ist die Geschichte des „Gerolsteiner Karnevals“. Wir freuen uns auf zahlreiche Besucher.
Für weitere Informationen siehe auch: www.stadtarchiv-gerolstein.de
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Aufruf:
Es wäre wunderbar, wenn dieser Beitrag zum Auffinden der Prinzen-Orden von 1953 und 1963 und Beschaffung für das StadtArchiv Gerolstein beitragen könnte.





































































